Theophanie  -  Epiphanie  -  Taufe und Versuchung Jesu


Zwei Ereignisse, derer in der Liturgie aller Kirchen und Konfessionen gedacht wird, stehen am Beginn dieser Zeit des Kirchenjahres:
die Taufe Jesu und die Versuchungsgeschichte.

Epiphanie - das Erscheinen des göttlichen Lichts in der Gestalt Jesu, von den orthodoxen Christen Theophanie genannt - meint zunächst die Taufe Jesu. Jesus reiht sich ein in die für Menschen vorgesehene Ordnung und läßt sich von Johannes taufen. Und gerade dabei wird ihm "rechtskräftig" zugesprochen, Gottes geliebter Sohn zu sein, und der Geist Gottes kommt über ihn herab wie eine Taube. Tatkräftig könnte der so Berufene nun an sein von den Menschen erwartetes glorreiches Messiaswerk gehen.

Doch nein, schon mischt sich ein anderer Ton darunter: dieser Geist "wirft ihn sogleich hinaus" (so wörtlich) in die Wüste. Die dunkle Geschichte von der Versuchung Jesu berichten übereinstimmend die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas unmittelbar im Anschluß an den Taufbericht. Sogleich, heißt es, trieb ihn der Geist hinaus, weg aus der erhebenden Gegenwart Gottes, aus der tröstlichen Gegenwart anderer Menschen, "damit er vom Teufel versucht werde".

Nach dem Zuspruch, Gottes lieber Sohn zu sein, folgt sofort die Erfahrung der Abwesenheit Gottes. Unüberhörbar klingen in diesem Hinaustreiben bereits die Geißeln der Kriegsknechte an, die Jesus zur Kreuzigung treiben, und die Nacht und die Wüste verlassen ihn bis ans Ende seiner Passion, bis in die Nacht im Garten Gethsemane und in den Schrei der Verlassenheit am Kreuz nicht mehr: der Teufel verließ ihn eine zeitlang, heißt es, nachdem Jesus den Versuchungen widerstanden hat.

Die Erfahrung der Abwesenheit eines allmächtigen Gottes begleitet Jesus fortan: denken wir an seinen verzweifelten Ausruf "Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf der Erde, und was wollte ich lieber, als dass es schon brennen würde!" - aber es brennt nicht, und Jesus weint über Jerusalem, weil es sich nicht von ihm sammeln lassen will und nicht erkennt, was zu seinem Besten dient.

Ist das nicht auch unsere Erfahrung, oft jedenfalls und vielleicht zu oft? Wo ist Gott jetzt, wo ich ihn doch bräuchte, und warum läßt Gott das zu? Wenn wir so empfinden, dann können wir uns an diese Theophaniegeschichte von der Taufe und der Versuchung Jesu erinnern: Gott ist ja selbst in dieser Wüste, stellt sich nackt der Gewalt Satans, verläßt ebenfalls den Garten Eden, um mit seinen und für seine Menschen die Dornen und Disteln des Ackers, die Schmerzen des Gebärens, das hilflose Verlangen nach der Nähe eines anderen Menschen ("könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen" fragt er im Garten Gethsemane) zu erleiden und sie zu überwinden. Auch das ist Epiphanie.

Das Aufstrahlen des göttlichen Lichts ist geheimnisvollerweise eng mit der Nacht, dem Leiden und den Grundversuchungen verbunden, die wir nur allzugut kennen: die fordernden körperlichen Bedürfnisse, das seelische Verlangen, anerkannt und bewundert zu sein, die geistig/geistliche Versuchung zur Herrschaft und Kontrolle. Theophanie heißt: wir können wie Jesus unsere inneren und äußeren Dunkelheiten annehmen und sie ihm übergeben, damit er sie und uns hineinnehme und auferwecke in sein Licht.


Aus dem ökumenischen Abendgebet, Januar 2000